Laudatio Anna Huber

Preisträgerin 2010

Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Anna Huber

Es ist mir eine grosse Freude, heute hier die Laudatio für eine Künstlerin zu halten, deren Oeuvre sich wie kaum ein anderes im Bereich des zeitgenössischen Tanzes durch ausserordentliche Konzentration und Konsequenz, durch herausragende Eigenständigkeit und Brillanz auszeichnet.

Im November 2002 wurde Anna Huber hier bereits im Rahmen von Pro Tanz der «Tanz der Dinge»-Kritiker Jury-Preis für ihr Stück «two, too» verliehen. Seither war sie unermüdlich weiter kreativ tätig, sie hat sich fortentwickelt, hat ausprobiert und Neues gewagt, sie hat aber auch ihren eigenen, charakteristischen Stil gefestigt und vielfältigst vermittelt. Damit hat sie ihren Namen bleibend in internationale Tanzchroniken eingeschrieben. Weitere – sehr renommierte – Ehrungen folgten. Heute nun würdigen wir sie hier mit dem Schweizer Tanz- und Choreografiepreis für ihr bisheriges Werk, das sich sowohl durch eine bemerkenswerte Vielgestaltigkeit wie auch – und dies ist äusserst anerkennend, keineswegs als Widerspruch gemeint – durch dezidierte Eigenheit auszeichnet.

Wichtige frühe künstlerische Erfahrungen hat Anna Huber – nach ihrer Ausbildung beim Ch-Tanztheater – unter anderem bei Jo Fabian, Helena Waldmann, Susanne Linke und Saburo Teshigawara gesammelt. Insbesondere Letzterer habe sie inspiriert, aber – wie sie selber einmal gesagt hat – die eigene künstlerische Arbeit kann einem niemand abnehmen. Es war und ist ihr noch immer wichtig, an einer eigenen Bewegungssprache zu arbeiten und dafür die Verantwortung selbst zu übernehmen, auch wenn diese konsequente Arbeit oft – nach eigenen Angaben – einsam und hart ist.

Als Anna Huber 1995 mit ihrem Solo «in zwischenräumen» erstmals nachhaltig auf sich aufmerksam machte, schrieb Irene Sieben in Ballett international/tanz aktuell – von heute aus gesehen geradezu hellsichtig: «Anna Huber begann mit radikaler Ehrlichkeit eine eigene, themenbezogene Bewegungssprache zu formulieren, die in ihrer filigranen Klarheit und Luftigkeit Tanz in ein Gesamtkunstwerk mit den untrennbaren Elementen Körper, Raum, Musik, Licht verschmelzen lässt.» Die radikale Ehrlichkeit, die eigene Bewegungssprache und die filigrane Klarheit sind Anna Hubers ‚Markenzeichen‘ (wenn man so will) geblieben. Sie hat diese in Gruppenstücken, Duos und Solos seither mehrfach erprobt auf die Bühnen der Welt gebracht, wobei zu betonen ist, dass Anna Huber auch in ihren Solos nie allein im Rampenlicht steht, sondern sich stets der Kommunikation mit den genannten Bühnenpartnern Raum, Ton und Licht stellte, sich mit Musikern und Bühnenelementen auseinandersetzte, mit Materialien und mit Leere, mit Stille und mit Lärm, mit Tempo und mit Langsamkeit, mit Harmonien und mit Störungen, mit Eintönig- und mit Farbigkeit, mit Künstlich- und mit Alltäglichkeit.

Anna Hubers Arbeit ist beharrliche ästhetische Reflexion; immer neu stellt sie die Grundkonstituenten des Tanzes, den Raum, den Körper, die Zeit, in Frage und auch das Zusammenspiel der Künste auf der Bühne sowie deren Bezüge zum alltäglichen Leben. Anna Hubers Arbeit ist experimentell und sinnlich – etwa im Hinblick auf ihre charakteristischen Körperbilder, die von geometrisch exaktem Vermessungsgebaren über verblüffende skulpturale Vexierspiele bis zu humorvoll feinem Gebärdenzauber reichen. Die Künstlerin ist zudem poetisch in allen Sprachen, die sie beherrscht – in den nonverbalen sowie in den wörtlichen. Dafür zeugen unter anderem ihre Stücktitel wie «in zwischen räumen», «brief letters», «unsichtbarst», «die anderen und die gleichen», «l´autre et moi», «Stück mit Flügel», «two, too», «wolkenstück», «hierundoderhierundoderhierundoderdort», «handundfuss», «Eine Frage der Zeit» oder eben «tasten». Was die Titel so sprechend versprechen, halten die Stücke.

Apropos Sprache: Anna Huber ist eine der wenigen Choreografinnen, die ich kenne, die auch klar und äusserst reflektiert über ihre Arbeit sprechen (können). Das muss freilich nicht sein, bietet aber noch eine weitere Dimension der Reflexion. Ihren Arbeitsansatz beschreibt Anna Huber als Schnittstelle von darstellender und bildender Kunst und in ständiger Reibung zwischen Abstraktion und Emotion. Jeder Mensch bewege sich anders, obwohl in der Regel jeder zwei Beine, einen Rumpf und zwei Arme habe. Bewegung ist gleichzeitig limitiert und sehr komplex. Insofern ist ihr menschliche Bewegung in ihrer komplexen Einfachheit ein Experimentierfeld. In einem Interview hat Anna Huber einmal über ihren persönlichen Anspruch gesagt, dass es für sie eigentlich kein erreichbares Ziel gebe. Die körperlichen Möglichkeiten genügten nie der Vorstellung. Manchmal scheine mit jedem kleinen Schritt die Ahnung des zu Erreichenden ein Stück weiter weg gerückt.

Den Tanz als zeitgenössische Kunstform versteht sie als eine kontinuierliche Forschungsarbeit, ein fortwährendes Hinterfragen. Was bisher keiner ihrer leibhaftigen Bühnenpartner erreicht hat, so harmonisch oder spannungsvoll sie auch zusammenspielten, ist Anna Hubers Präsenz. Dieser – mit Verlaub – zierlichen Person gelingt es immer wieder aufs Neue verblüffend, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und nicht etwa auf sich als Person, dafür ist sie so, wie ich sie in den letzten Jahren kennenlernen durfte, viel zu sympathisch bescheiden. Auf sich aufmerksam macht Anna Huber stets unweigerlich als auf der Bühne forschende Tänzerin, als bewegte Kunstfigur in einem mittlerweile beachtlich weitreichenden Oeuvre.

Dafür zeichnen wir sie heute aus. Dies ist mir und uns, für die ich hier stellvertretend spreche, – wie gesagt – eine grosse Freude. Anna Huber soll dies ein Ansporn sein, sich weiterhin so konzentriert, konsequent, eigenständig und brillant ihrer Kunst – dem zeitgenössischen Tanz im vielgestaltigsten Sinne – zu stellen, um diese Kunst wie heute mit ihrem neuen Stück ‚tasten‘ und hoffentlich auch in Zukunft weiterhin nachhaltig mitzuprägen.

Herzlichen Dank!

Christina Thurner
Jurymitglied
Tanzwissenschaftlerin Universität Bern

www.annahuber.net | Broschüre Anna Huber – Tanzpreis-Gala 2010 (pdf 11.5 MB)


Anna Huber

Lauréate 2010

Mesdames, Messieurs, chère Anna Huber,

C’est pour moi une grande joie de prononcer ici aujourd’hui la laudatio d’une artiste dont l’œuvre se distingue – comme peu d’autres au sein de la danse contemporaine – par sa concentration et sa cohérence extraordinaires ainsi que par sa brillance et sa remarquable indépendance.

En novembre 2002, Anna Huber avait déjà reçu ici sous l’égide de ProTanz le Prix du jury de la critique «Tanz der Dinge» pour sa pièce two, too. Depuis lors, elle est restée infatigablement créative, elle a continué de se développer, elle a expérimenté et osé de nouvelles voies, mais elle a aussi affirmé et diffusé de nombreuses manières son style propre et caractéristique. Elle a ainsi inscrit son nom de façon durable dans les chroniques chorégraphiques internationales. D’autres distinctions – très renommées – ont suivi. Et voilà qu’aujourd’hui, nous lui décernons ici le Prix suisse de la danse et de la chorégraphie pour l’ensemble de son œuvre, qui se distingue autant par son remarquable caractère protéiforme que par sa particularité affirmée – ce que nous considérons comme extrêmement positif et en aucun cas comme une contradiction.

Après sa formation au sein de CH-Tanztheater, Anna Huber a pu faire de premières expériences artistiques importantes notamment auprès de Jo Fabian, Helena Waldmann, Susanne Linke et Saburo Teshigawara. Ce dernier l’a particulièrement inspirée, mais – comme elle l’a elle-même noté – personne ne peut se charger d’un travail artistique pour un autre créateur. Elle a toujours considéré comme important de travailler à son propre langage du mouvement et d’en assumer elle-même la responsabilité, même si ce travail cohérent est souvent – toujours selon Anna Huber – pénible et solitaire.

Lorsqu’Anna Huber se fit pour la première fois remarquer durablement en 1995 avec son solo in zwischen räumen, Irene Sieben écrivit alors dans Ballett international/tanz aktuell des lignes qui s’avèrent aujourd’hui tout à fait prémonitoires : «Avec une sincérité radicale, Anna Huber a commencé à formuler son propre langage du mouvement en lien avec ses thématiques, un langage dont la clarté filigrane et le caractère aérien amènent la danse à se fondre avec des éléments inséparables que sont le corps, l’espace, la musique et la lumière.» La sincérité radicale, un langage personnel du mouvement et la clarté filigrane sont restés la signature caractéristique d’Anna Huber. Depuis lors, elle a expérimenté ces éléments à plusieurs reprises sur les scènes du monde dans des pièces d’ensemble, des duos et des solos. Il faut cependant souligner ici que, même dans ses solos, Anna Huber n’est jamais seule sous les feux de la rampe, mais qu’elle s’y place toujours en communication avec les partenaires de scène déjà évoqués – l’espace, le son et la lumière, qu’elle se confronte sans cesse à des musiciens et à des éléments scéniques, à des matériaux et au vide, au silence et au bruit, à la rapidité et à la lenteur, à l’harmonie et aux dérangements, à des tons uniques et des couleurs variées, à l’artificiel et au quotidien.

Le travail d’Anna Huber est une réflexion esthétique lancinante ; elle remet à chaque fois en question les éléments constituants de la danse, l’espace, le corps, le temps ainsi que l’interaction des arts sur la scène et leurs rapports à la vie quotidienne. Le travail d’Anna Huber est expérimental et sensuel – comme par exemple ses images corporelles caractéristiques, allant d’attitudes précisément mesurées et géométriquement exactes à d’époustouflantes devinettes sculpturales en passant par une fine magie du mouvement pleine d’humour.

En outre, l’artiste est poétique dans toutes les langues qu’elle maîtrise – aussi bien verbales que non verbales. En témoignent entre autres les titres de ses pièces, tels que in zwischen räumen, brief letters, unsichtbarst, die anderen und die gleichen, l´autre et moi, Stück mit Flügel, two,too, wolkenstück, hierundoderhierundoderhierundoderdort, handundfuss, Eine Frage der Zeit ou encore précisément tasten. Et les pièces tiennent les promesses exprimées par les mots de ces titres.

A propos de la langue : Anna Huber est l’une des rares chorégraphes que je connaisse qui parlent (et peuvent parler) de leur travail de manière claire et extrêmement réfléchie. Ce n’est pas bien sûr une nécessité, mais cela ouvre encore une dimension supplémentaire de réflexion. Anna Huber décrit son approche comme une interface d’art théâtral et plastique, en friction constante entre abstraction et émotion. Selon elle, chaque être humain se meut différemment, bien que chacun dispose généralement de deux jambes, d’un tronc et de deux bras. Le mouvement est tout à la fois limité et très complexe. En ce sens, le mouvement humain est pour elle un champ d’expérimentation dans sa complexe simplicité.

Au sujet de son exigence personnelle, Anna Huber a déclaré dans une interview qu’il n’existe pour elle aucun but atteignable. Les possibilités corporelles ne suffisent jamais à la représentation. Parfois, l’intuition de ce qui peut être atteint semble reculer avec chaque nouveau petit pas. Elle conçoit la danse en tant que forme artistique contemporaine comme un travail de recherche continu, un questionnement incessant.

La présence scénique d’Anna Huber reste quelque chose qu’aucun de ses partenaires en chaire et en os n’a pu atteindre jusqu’à présent, quelle que soit la qualité d’harmonie et de tension dans leur interaction. Cette personne fluette – permettez-moi l’expression – réussit encore et toujours de façon surprenante à attirer l’attention sur elle. Mais en aucun cas sur elle-même comme personne, elle est bien trop sympathiquement modeste pour cela, comme j’ai pu le constater en la fréquentant ces dernières années. Anna Huber attire toujours et infailliblement l’attention sur elle en tant que danseuse en recherche sur les planches, en tant que figure artistique en mouvement dans un œuvre déjà remarquablement vaste.

C’est pour cela que nous la récompensons aujourd’hui. C’est une grande joie pour moi et ceux au nom desquels je m’exprime ici. Que cela puisse motiver Anna Huber à continuer de se confronter à son art – la danse contemporaine au sens le plus large – de manière aussi concentrée, cohérente, indépendante et brillante, afin de modeler cet art comme avec sa pièce tasten aujourd’hui ainsi que, nous l’espérons, de façon durable encore à l’avenir.

Merci beaucoup!

Laudatio de Christina Thurner
Membre du jury, chercheuse à l’Université de Berne

www.annahuber.net | Brochure Anna Huber – Gala 2010 (pdf 11.5 MB)