Laudatio Béatrice Jaccard und Peter Schelling

Preisträger 2007

«…off shore…» und: Weiter.

Mit dem Tanzpreis 2007 für Béatrice Jaccard und Peter Schelling / Compagnie Drift wird ein Tanzschaffen geehrt, dem in der Geschichte des Freien Tanzes in der Schweiz kaum Vergleichbares zur Seite steht. Es verkörpert in Jaccard und Schelling den Zeit-Anspruch der individuellen Selbstentfaltung und in der Erweiterung mit Massimo Bertinelli zur Compagnie Drift denjenigen der Gemeinschaft; in ihm realisieren sich Aufbruch und Konstanz sowohl im künstlerischen wie im zeitlichen Raum.

Als Béatrice Jaccard und Peter Schelling sich 1987 ein erstes gemeinsames Programm erarbeiteten, nannten sie es «…off shore…». Der Titel war Programm, die beiden wollten aufbrechen, wollten sich auf die Reise zu neuen Ufern begeben. Nur, was konnte das damals heissen? Denn in jenen Jahren gehörte es zum guten Ton, dass «man» neu und anders sein wollte, ja musste. Denn alle, alle fühlten sich als kühne Avantgarde, wenn sie deklarierten: «Ha, ich bin so anders als ‚man‘ ist.» Und merken nicht, dass sie in einem Heer von Gleichgesinnten waren, die, obwohl in schön geschlossener Formation, sich doch jeder für sich als einsamen Vorkämpfer fühlten.

Jaccard und Schelling aber begannen ihren Weg nicht im stolzen Gefühl, die ganze Kunst – wenn nicht gar die ganze Menschheit – in neue nur von ihnen beiden geahnte Räume zu führen. Zu neuen Ufern aufzubrechen, was ihr ganz persönliches Programm, das zudem einen ganz real biographischen Hintergrund hatte. Sie waren nicht im Sinne eines romantischen Kunstideals in pubertärem Leiden an einer unerträglichen, ihr Genie verkennenden Gesellschaft in eine Erlösung versprechende Welt der Kunst geflohen. Die Berufsausbildung war ganz unaufregend, ganz gewöhnlich akademisch. Und wenn etwas aufregend war an ihrem – unabhängig voneinander gefassten – Entschluss, sich dem Tanz zuzuwenden, dann die Tatsache, dass damit beide sich für diesen Weg entschlossen, als «es» eigentlich längst zu spät war. Denn: In dem Alter, als sie sich für den Tanz entschieden, hat «man» bereits am Ende der Ausbildung und schon mitten im Berufsleben zu stehen.

So stiessen sie formal gleichzeitig von zwei «Man tut nicht»-Ufern ab. «Man» gibt nämlich nicht akademische Berufe einfach so auf und «man» kann in dem Alter nicht mehr Tänzer werden. Zusätzlich war es auch noch inhaltlich ein Abstossen, nämlich vom damals tanzüblichen Ufer, weil sie ohne Blick auf etwaige «gesellschaftliche Relevanz» gleichsam nur für sich selber die Möglichkeiten erkunden wollten, wie sie menschliches Erleben als Bewegungsausdruck gestalten könnten. Dass das im Rahmen der gesamten Kunstszene in keiner Weise neu und aufregend war, wussten sie selber am besten. Aber das spielte für sie offenkundig keine Rolle. In der theoretisch richtigen Annahme, dass erfüllt gelungene Gestaltung von menschlichem Ausdruck immer unmittelbar und damit neu ist, unabhängig vom Stil.

Und die Praxis hat ihnen Recht gegeben. Sie erreichten ein grosses, ein weltweites Publikum mit dem Ausdruck dessen, was sie von innen bewegte: Der Mensch in seinem Streben nach Sicherheit und in seiner Angst vor Begrenzung, in seinem Wunsch sowohl nach Aufbruch wie nach Dauer, in seiner Sehnsucht nach sinnlich-menschlicher Nähe und seiner Unfähigkeit, sie zu ertragen.

Und das ist weder alt noch neu, das kann nur im Ausdruck stimmen oder nicht. Und so suchten die zwei für solche Befindlichkeiten aus sich selber, aus ihrem eigenen Leben und Erleben heraus ihren eigenen Formausdruck. Alles Sinnlich-Körperliche, jede Haltung, jede Gebärde, aber auch die grosse Tanzform konnten dabei Mittel für diesen persönlichen, eigenen Ausdruck werden.

Das Abstossen vom Ufer war ein Wagnis und führte das Tanzpaar in unruhige Gewässer. Und so hiess denn die nächste Produktion nicht zufällig «…drift…». Wieder deutete der Titel mit den ihn einrahmenden drei Punkten auf das Geheimnis, dass weder Anfang noch Ende eindeutig zu fassen sind, und dazwischen lag der künstlerische Prozess mit seiner Polarität von Aktiv und Passiv, denn drift bedeutet sowohl Treiben als Getriebenwerden.

Und folgerichtig wurde der Name der Produktion zum Namen der Truppe. Die beiden wollten selber Treiben, aber auch getrieben werden, angetrieben, bereichert, inspiriert von andern. Zuerst im Verein mit Massimo Bertinelli, der so ausgeprägt künstlerische Eigenständigkeit und Sinn für Zusammenspiel mitbrachte. Aber es ging nicht nur um Mitspieler im Bewegungsgeschehen. Die Bühne ist auch Licht und Bild und Raum und Musik. Und alle diese Elemente sollten nicht am Schluss um eine fertige Choreographie drapiert werden, nein, sie sollten von Anfang an ins Entstehen eines Werkes einbezogen sein.

Im Umgang mit Problemen und Schwierigkeiten waren für Jaccard und Schelling von Anfang an das Fragen und die Auseinandersetzung sowohl Grundlage wie Lebensbasis der Partnerschaft. Offen-Sein nach innen und aussen. Und dieses Prinzip der Partnerschaft dehnte sich in der Truppe dann auf Kunstschaffende im Gebiet von Musik und Ausstattung und Raumgestaltung und Lichtdesign und weitern Bewegungsschaffenden aus. Sie alle zusammen, sie machen das aus, was Drift geworden ist. Was aus dem Aufbruch geworden ist, der sich nicht im immerwährenden Aufbrechen erschöpfte, der nicht nur Ufer verliess, sondern auch Ufer erreichte und so in seiner eigenartigen – der eigenen Art entsprechenden – Fahrt immer weiter führte.

Der Tanzpreis 2007 gilt einem Lebenswerk, aber diesmal ausdrücklich dem Werk von vielen Leben. Was ja eigentlich jedes noch so individuell gefeierte Lebenswerk im Grund immer ist. Béatrice Jaccard und Peter Schelling / Compagnie Drift aber haben durchgehend ihr Werk aus eben diesem Bewusstsein heraus gestaltet und nach aussen getragen. Und auch das mag Wesentliches beigetragen haben zur Konstanz eines so substanziell erfüllten Gestaltens und Wirkens.

Richard Merz

www.drift.ch | Broschüre Béatrice Jaccard und Peter Schilling – Tanzpreis-Gala 2007 (pdf 730 kb)


Laudatio Béatrice Jaccard et Peter Schelling

Lauréats 2007

« …off shore… » et : plus loin.

Le Prix de la danse 2007 récompense en Béatrice Jaccard et Peter Schelling / Compagnie Drift un travail de création chorégraphique vraisemblablement sans égal dans l’histoire de la danse indépendante en Suisse. Cet esprit de création trouve en Jaccard et Schelling l’exigence temporelle d’un épanouissement individuel et, dans la réunion en Compagnie Drift avec Massimo Bertinelli, l’exigence de la communauté; c’est elle qui mène au renouveau et à la constance sur les plans artistique et temporel.

Lorsque Béatrice Jaccard et Peter Schelling ont bâti leur premier programme commun en 1987, ils l’ont intitulé « …off shore… ». Ce titre était programmatique, l’une et l’autre souhaitaient un nouveau départ, un voyage vers de nouvelles rives. Mais qu’est-ce que cela pouvait bien signifier à cette époque? Effectivement, en ces années-là, ‘on’ voulait, et même ‘on’ se devait d’être nouveau et différent. Car chacun et chacune avait le sentiment d’appartenir à une avant-garde audacieuse et déclarait: «Eh, je ne suis vraiment pas comme ‘on’ est». Et aucun ne remarquait qu’il était entouré d’une armée de semblables qui, bien qu’en rangs dûment serrés, se sentaient chacun pour soi pionnier solitaire.

Pour leur part, Jaccard et Schelling n’ont pas entrepris leur cheminement avec le fier sentiment de conduire l’art entier – quand ce n’était pas l’humanité entière – vers de nouvelles destinations connues d’eux seuls. Partir vers de nouvelles rives était pour eux un programme tout à fait personnel, qui s’inscrit par ailleurs dans un contexte biographique très concret. Ils n’ont pas cherché en l’art un monde leur promettant la délivrance au sens de l’idéal esthétique romantique et dans des souffrances pubertaires face à une société insoutenable et méconnaissant leur génie. Leur formation professionnelle se fit sans sensation, tout bonnement académique. Et s’il y a quelque chose de surprenant dans leur décision – prises indépendamment l’une de l’autre – de se tourner vers la danse, c’est le fait que les deux ont choisi ce chemin alors qu’il était déjà largement trop tard. En effet : à l’âge où ils se sont décidé pour la danse, ‘on’ doit avoir déjà achevé sa formation et se trouver en pleine vie professionnelle.

Ils ont donc coupé les amarres qui les liaient à deux rives où ‘on ne fait pas’. ‘On’ n’abandonne pas comme ça une profession académique et ‘on’ ne peut plus devenir danseur à cet âge. De plus, ils se détachaient aussi par le contenu, éloigné des rives conventionnelles de la danse de cette période, puisque, sans se soucier de «pertinence sociale», ils cherchaient pour eux-mêmes à explorer les possibilités d’exprimer en mouvement le vécu humain. Ils savaient pertinemment que cela n’avait rien de nouveau ni de sensationnel au sein du milieu artistique en général. Mais cela ne jouait pour eux manifestement aucun rôle. Ils supposaient, théoriquement à juste titre, que donner une forme pleine et réussie à l’expression humaine génère un résultat toujours immédiat et ainsi toujours nouveau, indépendamment du style.

Et la pratique leur a donné raison. Ils ont atteint un large public, dans le monde entier, avec l’expression de ce qui les meut intérieurement: l’être humain dans sa quête de sécurité et dans sa peur de délimitation, dans son aspiration au départ autant qu’à la durée, dans son désir de proximité sensitive humaine et dans son inaptitude à la supporter.

Et cela n’est ni ancien ni nouveau, cela ne peut qu’être juste ou non dans son expression. Béatrice et Peter ont donc cherché en eux-mêmes, dans leur propre vie et leur vécu, leur propre expression formelle pour ces états de l’être. Tout ce que le sensitif et le corporel peuvent offrir, chaque attitude, chaque geste, mais aussi la grande forme chorégraphique pouvaient devenir des vecteurs de cette expression propre et personnelle.

Il était audacieux de quitter la rive et cela a mené le couple de danseurs vers des eaux agitées. Et ce n’est pas un hasard si la production suivante s’est intitulée «…drift…». Ici à nouveau, les trois points qui encadrent le titre nous renvoient au mystère qui rend intangibles début et fin, et entre les deux se niche le processus artistique avec sa polarité d’actif et de passif, car drift signifie autant mouvoir qu’être mû.

Et le titre de la production est conséquemment devenu le nom de la compagnie. L’une et l’autre voulaient elles-mêmes mouvoir, mais aussi être mues, entraînées, enrichies, inspirées par d’autres. Tout d’abord dans l’association avec Massimo Bertinelli, qui a apporté une autonomie artistique marquée et un sens du jeu partagé. Mais il ne s’agissait pas seulement des partenaires du récit en mouvement. La scène est aussi lumière, décor, espace et musique. Et tous ces éléments ne devraient pas servir d’ornement final à une chorégraphie déjà achevée, non, ils devraient être intégrés dès la début à la création d’une œuvre.

Dans leur rapport aux problèmes et aux difficultés, le questionnement et la confrontation ont été pour Jaccard et Schelling autant fondement que base vitale de la relation de partenariat. Etre ouvert vers l’intérieur et l’extérieur. Et ce principe de partenariat s’est ensuite étendu à la compagnie et aux artistes dans les domaines de la musique, de la scénographie et de l’éclairage ainsi qu’aux autres danseurs. Ce sont eux tous qui ensemble ont fait la singularité de ce qu’est devenu Drift. Ce qui est devenu d’un départ qui ne s’est pas épuisé dans un partir toujours répété, qui n’a pas seulement quitté des rivages mais en a aussi atteint, et qui a toujours poursuivi sa course singulière – correspondant à sa singularité.

Le Prix de la danse 2007 récompense l’œuvre d’une vie, mais cette fois-ci expressément l’œuvre de nombreuses vies. Ce qu’est en somme tout œuvre, aussi individuelle qu’en soit sa célébration. Mais Béatrice Jaccard et Peter Schelling / Compagnie Drift ont continuellement conçu et présenté leur œuvre à partir de la conscience de ce fait. Et cela pourrait également avoir essentiellement contribué à la constance d’une création et d’une activité aussi substantiellement remplies.

Richard Merz

www.drift.ch | Brochure Béatrice Jaccard et Peter Schilling – Gala 2007 (pdf 730 kb)