Laudatio Guilherme Botelho

Preisträger 2008

Im Jahr 1993 gründete in Genf der aus Brasilien stammende Tänzer und Choreograph Guilherme Botelho seine heute international bekannte Alias Compagnie und prägte mit ihr über all die Jahre hinweg den zeitgenössischen Tanz – nicht nur in der Schweiz – in besonderem Masse. Alias zeichnet sich nicht nur durch hohe tänzerische Qualität, sondern auch durch einen einmalig vielschichtigen und hintergründigen Humor aus, der das Publikum immer wieder in seinen Bann zieht. Guilherme Botelho ist ein Künstler, der es meisterlich versteht, mit seinen Tänzerinnen und Tänzern ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, das von fantasievollen und überraschenden Lichteffekten geprägt ist, mit Musik unterhaltend und fesselnd umgeht und Bühnenräume kreiert, die ästhetisch sind, aber zugleich auch voller Überraschungen. Das Narrative bewegt sich auf unterschiedlichen Ebenen, surrealistische Elemente prägen seine genialen Einfälle. Mit über 17 Produktionen hat Alias ihre Qualität unter Beweis gestellt und ging in mehr als 20 Ländern in Europa, Afrika, Asien, Süd- und Nordamerika höchst erfolgreich auf Tournee.

In der Schweiz ist Alias mit ihren spektakulären und faszinierenden Tanzproduktionen zu einem festen Begriff für den zeitgenössischen Tanz geworden.

Seine Tanzkarriere begann Guilherme Botelho ungewöhnlich: mit 15 Jahren sah er das Ballett «scène de famille» von Oscar Araiz. Dieses Ereignis wurde für ihn zu einem eindrücklichen Schlüsselerlebnis und bewog ihn, Tänzer zu werden. Nach einer intensiven Ausbildung wurde er Mitglied des Ballet du Grand-Théâtre von Genf und im Jahre 1987 gestaltete er bereits seine erste eigene Choreographie. 1993 gründete er seine unabhängige Compagnie Alias. Die Begegnung mit dem DV8-Choreographen Llyod Newson war ein weiterer Höhepunkt in Botelhos künstlerischer Laufbahn.

Botelho besitzt die Fähigkeit, unkonventionelle Themen und Situationen im Beziehungsgeflecht unter uns Menschen anzupeilen und sie so fesselnd in seine Stücke einzubauen, dass man nicht nur unterhalten wird oder sich an der tänzerischen Schönheit und Qualität erfreut, sondern auch an vielschichtige philosophisch-existenzielle Fragen herangeführt wird. Der Tanz erhält bei ihm eine neue Dimension und eröffnet dem Publikum fesselnde Perspektiven auf die Sinnfrage des Lebens. Ob er – wie in «moving a perhaps» – ein Schlafzimmer unter Wasser setzt oder andere extreme Einfälle umsetzt, immer haben seine getanzten Bilder mit dem Menschen zu tun, mit seiner Art der Kommunikation, mit Verhaltensweisen, die man unterschwellig nicht ausspielt, und die doch von prägender Präsenz sind.

In seiner neuen Produktion «l’ange du foyer» befasst sich Guilherme Botelho mit Befindlichkeiten, die mit der Kindheit, mit dem Kindsein zu tun haben und den Zuschauer in die Welt der Fantasie entführen, die ihren besonderen Zauber hat. Kindheit ist nie ausgeträumt, die Sehnsucht nach dem Aufgehobensein in der Welt der Träume zwischen Kind und Erwachsenem spielt dabei eine wesentliche Rolle. Wir erleben das Kind, das seinen Fantasien nachgeht, Abenteuer erleben möchte, den täglichen Dingen neue und andere Zusammenhänge gibt. Dabei spielen seine Familie, seine Kameraden, die in seine Hoffnungen und Träume mit einbezogen werden, eine grosse Rolle. Es ist dies eine Auseinandersetzung mit der Welt der Erwachsenen und der kindlichen Fantasie, eine Suche nach inneren Ursprüngen, die im Laufe eines Erwachsenenlebens oft verloren gehen und dennoch von prägender Realität sind.

Beeindruckend ist bei Botelho, dass er all diese Fragen über den Sinn des Lebens, über unser Kommen und Gehen, über unsere Suche nach dem Glück in seine vielschichtigen, getanzten Bilder einbindet. Wunderschön dabei ist, dass er viele Fragen offen in den Raum stellt, sie nicht beantwortet, sondern bewusst so stehen lässt. Dies in der Absicht, dass dieser unfertige Denkvorgang den Zuschauer dazu bewegen soll, sich seiner persönlichen existenziellen Lebensfrage zu öffnen. Er möchte nicht Moralist sein, der Wege aufzeigt, sondern er spielt mit Varianten von Möglichkeiten, wie man ein Leben gestalten und Sinnfragen handhaben kann. Dabei ist der Tanz in all seinen Ausdrucksmöglichkeiten die Kunstform, die für ihn immer im Vordergrund steht. Er versteht seine Produktionen, seine tänzerischen Auseinandersetzungen nie als Rezept oder als letzte Wahrheit, sondern immer nur als Anregung, als tänzerisches Bild, das sich ständig verändert und verschiebt, so wie das Leben auch. Wählt er auch den humorvollen, den witzigen Weg und spielt er oft auch mit clownesken Bildern, so erkennt man doch immer den tieferen Ernst seiner Aussage. Nichts ist nur an der Oberfläche erkennbar, sondern alles hat auch einen Hintergrund, manchmal grotesk und verzerrt, oft klar und ungemein brauchbar. Botelho ist ein Künstler, ein Tänzer und begabter Choreograph, der mit seiner Alias Compagnie bewegt, Neues erschliesst und uns einen fantastischen Spiegel vor Augen hält, in dem wir unsere eigenen Geschichten erkennen können, aber auch tiefen Ernst und ein Stück Lebensweisheit, die uns beeindrucken. Er ist ein Choreograph, den man lieb gewinnt, dessen vielseitig talentierte Compagnie man sich gerne ansieht und sich freut, dass es sein unverwechselbares Tanztheater überhaupt gibt, weil er dami in einmaliger Weise die zeitgenössische Tanzszene prägt und befruchtet. So freut und ehrt es uns, ihm diesen Preis übergeben zu dürfen, in der Überzeugung und Hoffnung, dass er sich noch viele aussergewöhnliche Tanzideen einfallen lassen wird.

Besten Dank.

Ursula Berger

www.alias-cie.ch | Broschüre Guilherme Botelho – Tanzpreis-Gala 2008 (pdf 688 kb)


Laudatio Guilherme Botelho

Lauréat 2008

En 1993, le danseur et chorégraphe d’origine brésilienne Guilherme Botelho a créé la Compagnie Alias, jouissant aujourd’hui d’une reconnaissance internationale et avec laquelle il a exercé durant toutes ces années une influence considérable sur la danse contemporaine, et pas uniquement en Suisse. Alias se distingue non seulement par sa grande qualité technique, mais aussi par son humour unique, profond et à plusieurs strates, qui fascine toujours son public. Guilherme Botelho est un artiste passé maître dans l’art de créer avec ses danseuses et ses danseurs une œuvre totale marquée par des effets d’éclairage inventifs et étonnants, utilisant toutes les ressources de la musique et créant des espaces scéniques à la fois esthétiques et pleins de surprises. La narration évolue sur différents niveaux, des éléments surréalistes colorent ses géniales idées. En plus de 17 productions, Alias a fait preuve de sa qualité et a connu un très grand succès lors de ses tournées dans plus de 20 pays d’Europe, d’Afrique, d’Asie, d’Amérique du Sud et du Nord.

En Suisse, Alias a conquis une solide position dans la danse contemporaine par ses productions fascinantes et spectaculaires.

Guilherme Botelho a débuté sa carrière dans la danse de manière peu conventionnelle: c’est à l’âge de 15 ans qu’il voit le ballet «Scène de famille» d’Oscar Araiz. Cette expérience est pour lui un moment-clé inoubliable et le motive à devenir danseur. Après une intensive formation, il devient membre du Ballet du Grand-Théâtre de Genève et crée en 1987 déjà sa première chorégraphie. Il fonde en 1993 la compagnie indépendante Alias. Sa rencontre avec Llyod Newson, le chorégraphe du DV8 Physical Theatre, est une autre pierre angulaire de la carrière artistique de Botelho.

Botelho possède le don de repérer des situations et des sujets insolites dans le tissu des relations humaines et de les intégrer dans ses pièces de manière si captivante qu’ils ne suscitent pas que le divertissement ou le plaisir de la beauté et de la qualité chorégraphiques, mais qu’ils ouvrent aussi les multiples facettes de questions d’ordre philosophique et existentiel. La danse trouve avec lui une nouvelle dimension et dévoile à son public de passionnantes perspectives quant à la question du sens de la vie. Qu’il situe sous l’eau une chambre à coucher – comme dans «moving a perhaps» – ou présente d’autres idées aussi extrêmes, ses images dansées sont toujours liées à l’Homme, avec sa façon de communiquer, avec des comportements dont l’aspect sous-jacent n’est pas clairement révélé mais qui n’en sont pas moins d’une présence saillante.

Dans sa nouvelle production, «l’ange du foyer», Guilherme Botelho traite de sentiments liés à l’enfance et à l’état d’enfant et qui transportent le spectateur dans un monde de l’imaginaire empreint d’une magie singulière. Le rêve de l’enfance n’est jamais achevé, et le désir d’un état intermédiaire dans le monde des rêves entre enfant et adulte y joue un rôle essentiel. On y voit l’enfant à la poursuite de son imaginaire, désireux de vivre des aventures, projetant les objets de son quotidien dans de nouveaux mondes. Sa famille et ses camarades, qu’il fait entrer dans ses espoirs et ses rêves, y jouent un grand rôle. Il s’agit ici d’une confrontation entre le monde des adultes et l’imaginaire de l’enfance, une recherche des origines intérieures qui s’égarent souvent au cours d’une vie d’adulte et représentent pourtant une réalité saillante.

Botelho impressionne en ce qu’il parvient à faire tenir dans ses images dansées et à multiples strates de si nombreuses questions sur le sens de la vie, sur notre apparition et notre disparition, sur notre recherche du bonheur. La grande beauté de son geste réside dans le fait qu’il pose ouvertement beaucoup de questions, mais n’y répond pas, les laissant volontairement ouvertes. Il veut ainsi permettre à ce mouvement de pensée non achevé de pousser le spectacteur à ouvrir pour soi la question existentielle de sa propre vie. Il ne souhaite pas être un moraliste montrant la voie, mais préfère jouer avec les diverses possibilités de donner forme à une vie et de se débrouiller avec les questions de sens. La danse avec toutes ses possibilités d’expression reste la forme esthétique à laquelle Botelho reste attaché en priorité. Il ne conçoit jamais ses productions, ses confrontations chorégraphiques, comme des recettes ou des vérités ultimes, mais toujours comme des suggestions, comme des images chorégraphiques qui évoluent et se décalent en continu, comme la vie elle-même. Même s’il choisit la voie de l’humour et joue souvent avec une imagerie clownesque, on distingue toujours le profond sérieux de son propos. Rien ne reste uniquement à la surface, tout se profile aussi en un relief, parfois grotesque et déformé, souvent très net et d’une incroyable clarté. Botelho est un artiste, un danseur et un chorégraphe doué qui fait bouger les choses avec la Compagnie Alias, qui explore de nouvelles voies et nous tend un miroir fantastique dans lequel nous reconnaissons nos propres histoires, mais aussi un profond sérieux et un morceau de sagesse qui nous impressionnent. C’est un chorégraphe auquel on s’attache, dont on aime voir évoluer la compagnie aux multiples talents, et il est réjouissant de constater que son inimitable danse-théâtre existe, car Botelho parvient ainsi à marquer et féconder de manière unique la danse contemporaine. C’est donc une joie et un honneur de pouvoir lui remettre ce prix, avec la conviction et l’espoir qu’il aura encore de nombreuses idées chorégraphiques extraordinaires.

Merci beaucoup.

Ursula Berger

www.alias-cie.ch | Brochure Guilherme Botelho – Gala 2008 (pdf 688 kb)