Laudatio Philippe Saire

Preisträger 2004

Sehr geehrte Damen und Herren
Lieber Philippe Saire

Ein „Gesamtwerk“ oder sogar ein „Lebenswerk“ zeichnen wir hier mit dem „Schweizer Tanz und Choreografie“-Preis 2004 von Pro Tanz aus. Über etwas Gesamtes oder gar über ein Leben zu sprechen, masse ich mir hier und heute nicht an. Als Vertreterin der Jury möchte ich Ihnen allerdings gerne ein paar Gründe nennen, weshalb uns das gesamte Schaffen von Philippe Saire als preiswürdig erschien, und dazu will ich einige Eckpunkte aus diesem werkreichen Leben oder eben dem reichen Lebenswerk herausgreifen.

Philippe Saire selber hat einmal gesagt: „Mir wird klar, dass das Gewicht der Dinge mich zu dem Gedanken von der ‚Bürde, geboren zu sein’ führt, […] die das Verlangen auf die Leichtigkeit richtet, auf den Wunsch nach völliger Einfachheit, die man aber nur durch Anstrengung erreichen kann.“ Diese Leichtigkeit, die vermeintliche Einfachheit, die Arbeit und Anstrengung birgt, prägt denn auch Philippe Saires Schaffen. Seine Arbeit steckt und versteckt sich in drei Bereichen: Erstens natürlich in dem, was wir seit Jahren von ihm als Choreograf und Tänzer auf der Bühne jeweils in den einzelnen Stücken zu sehen bekommen; zweitens in der Abfolge der Themen, die Philippe Saire im Laufe seines Schaffens aufgegriffen hat und womit er das nationale und internationale Tanzschaffen mitgeprägt hat; und drittens im kulturpolitischen Einsatz, den Saire über die Jahre hinweg beharrlich und mit Erfolg erbracht hat.

Ich beginne mit dem ersten Punkt, der Leichtigkeit auf der Bühne. Etude sur la Légèreté heisst dazu exemplarisch eines von Saires Stücken aus dem Jahr 1998. Darin rollt der Choreograf den Topos der Leichtigkeit im Tanz quasi von hinten her auf, über die Körperschwere und -anstrengung. Er lässt die Tanzenden im ersten Teil des Stücks mit dem Untertitel L’Etude, ihre Körper vermessen und demonstrativ die Schwerkraft erproben. Erst nach diesen eingehenden Erkundungen des Körpers folgt der zweite Teil, La Danse. Da springen und drehen sich die Tanzenden dann allein, zu zweit oder in Gruppenformationen. La Danse wäre ein rein ästhetisches Stück, würde man nicht dauernd und unweigerlich an L’Etude erinnert. Doch gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen den beiden so verschiedenen Akten ist es, das diese Choreographie als gelungene Reflexion auf den (zeitgenössischen) Tanz auszeichnet. Mit Muskeln, die vorher vermessen, bearbeitet und zur Arbeit aktiviert wurden, wird schliesslich mit Leichtigkeit getanzt.

Zum Verhältnis von Arbeit und Leichtigkeit fällt mir jeweils ein Zitat des Schriftstellers Robert Walser ein, der im Feuilleton-Text Der Tänzer von 1914 Folgendes dazu geschrieben hat:

„Indem er [d.i. der Tänzer] tanzte, machte er den schönsten Eindruck, den ein […] Tänzer zu machen vermag, nämlich den, dass er glücklich sei im Tanze. Er war selig durch die Ausübung seines Berufes. Hier machte einmal die gewohnte tägliche Arbeit einen Menschen selig – aber es war ja nicht Arbeit, oder aber er bewältigte sie spielend, gleich, als scherze und tändele er mit den Schwierigkeiten, und so, als küsse er die Hindernisse, derart dass sie ihn liebgewinnen und ihn wieder küssen mussten.“

Was Walser hier in Prosa – nicht ohne Ironie – als Vexierspiel von Sein und Schein deutlich macht, prägt als szenische Reflexion auch immer wieder neu Philippe Saires Stücke.

Und damit komme ich direkt zum zweiten meiner Punkte, dem sogenannten Werkganzen. Von seinen frühen Kreationen in kleinerem Rahmen, über die mittlerweile zahlreichen überregional und international an grossen und kleinen Häusern gespielten Gruppenstücke, seine sitespezifischen Arbeiten und Videoproduktionen bis zu seinem Solo, das wir heute gesehen haben: Arbeit und Leichtigkeit, Sein und Schein, sind Themen, die Saire herausragend facettenreich behandelt hat – immer in Bezug auf die Kunstform Tanz oder die Situation der Bühne, des Theaters. Ob er nun die Möglichkeiten der stummen Kunstform erprobt, Dramen der Weltliteratur wie etwa Goethes Faust atmosphärisch eindringlich und originell und doch nicht linear narrativ zu erzählen, ob er in La Haine de la Musique das Spektrum von musikalischer Alltags-Berieselung über Stille bis zum bewusst gesetzten Klang auslotet, ob er in Les Affluents die Flüchtigkeit und den Fluss von Choreografie untersucht, oder ob er in [ob]seen das Verhältnis von Zuschauen und Voyeurismus, von Darstellen und sich Darbieten erprobt: Philippe Saire hat eine aussergewöhnliche Vielfalt von Themen und Ausdrucksformen zur Aufführung gebracht, die stets ins Zentrum der Fragen der Zeit sowie der zeitgenössischen Tanzkunst getroffen haben.

Bevor ich zum dritten Punkt komme, möchte ich noch ganz kurz etwas über die Person Philippe Saire sagen, den Werdegang, der zu diesem hier auszuzeichnenden Lebenswerk geführt hat.

Philippe Saire, geboren in Algerien, ist ein Quereinsteiger. Zuerst besuchte er das Lehrerseminar und spielte Theater, bevor er zum Tanz kam. Er hat dann klassischen und modernen Tanz unter anderem bei Philippe Dahlmann und Noemi Lapzeson studiert. Anfangs in Morges und schliesslich in Lausanne integrierte er sich in die Westschweizer Tanzszene; er erarbeitete sich da eine herausragende Position und machte sich einen Namen, der mittlerweile über die Sprachgrenzen innerhalb der Schweiz und über die helvetischen Landesgrenzen hinaus bekannt ist.

1986 hat er seine eigene zeitgenössische Truppe, die Compagnie Philippe Saire, gegründet. Mittlerweile hat er 23 Stücke kreiert, die in mehr als 850 Aufführungen in über 140 Städten Europas, Asiens und Amerikas zu sehen waren. Dies hier ist auch nicht der erste Preis, den Saire erhält. 1995 konnte er sein eigenes Theater, das Sévelin 36 in Lausanne, einweihen. Dort finden jeweils auch das Festival international de danse de Lausanne und Les Printemps de Sévelin statt.

Damit bin ich bereits beim dritten und letzten Punkt. Mit unermüdlichem Einsatz hat Philippe Saire auch kulturpolitisch für den Tanz einiges erreicht. Er hat ihm ein anerkanntes Theaterhaus eingerichtet, in dem seine eigenen Werke, aber auch die anderer Schweizer und ausländischer Tanzschaffender zu sehen sind beziehungsweise die Möglichkeit bekommen, aufgeführt zu werden. Einige der ehemaligen Tänzerinnen und Tänzer der Cie. Philippe Saire prägen mittlerweile mit ihren eigenen Arbeiten die Schweizer Tanzszene. Dies ist schliesslich ein weiterer Aspekt von „Lebenswerk“: Es lebt und gedeiht weiter.

Wir wünschen Philippe Saire, dass es dies über das jetzige vorläufige „Gesamtwerk“ hinaus noch weiter mit der Leichtigkeit und der Inspiration tut, die die Arbeit vergessen macht oder – mit Walser gesprochen – spielend bewältigt erscheinen lässt. Und uns wünsche ich, dass wir uns weiterhin daran erfreuen, darüber nachsinnen, -denken und staunen dürfen.

Herzlichen Dank!

Laudatio von Christina Thurner, Jurymitglied und Tanzjournalistin.

www.philippesaire.ch | Broschüre Philippe Saire – Tanzpreis-Gala 2004 (pdf 670 kb)


Laudatio Philippe Saire

Lauréat 2004

Philippe Saire a une fois déclaré qu’il était évident pour lui que le poids des choses l’amenait à l’idée, qu’il était né avec une charge, «qui attise le désir vers plus de légèreté, le désir d’une totale simplicité, que l’on peut atteindre uniquement par l’effort.» La légèreté, la soi-disant facilité, qui cache énormément d’efforts et de travail, marque la création de Philippe Saire. Ce travail se loge et se cache dans plusieurs domaines: Naturellement dans tout ce qu’il nous présente sur scène depuis des années en tant que chorégraphe et danseur dans ses différentes pièces; mais aussi dans la succession de thèmes, que Philippe Saire a abordé au cours de ses années de création, tout en contribuant à marquer de son empreinte la danse nationale et internationale, sans oublier son engagement dans la politique culturelle que Saire a maintenu ave3c persévérance et succès durant de nombreuses années.

Depuis ses anciennes créations dans un cadre plus modeste, en passant par les nombreuses pièces de groupe présentées au sein de grandes et de petites maison, au niveau supra-régional et international, ses travaux spécifiques à certains sites et ses productions vidéo jusqu’à ses récitals de danse: travail et légèreté, être et paraître, sont des thèmes que Saire a traités de façon remarquable en en montrant les multiples facettes et toujours en rapport avec la forme artistique de la danse ou la situation de la scène, du théâtre. Qu’il soit en train d’essayer les possibilités de la forme artistique muette pour raconter les drames de la littérature mondiale comme le Faust de Goethe, dans une atmosphère pénétrante et originale, sans pour autant tomber dans la narration linéaire, qu’il essaie dans La Haine de la Musique de sonder le spectre de l’arrosage musical quotidien en partant du silence jusqu’à la sonorité consciemment voulue, qu’il examine dans Les Affluents le côté éphémère et la fluidité de la chorégraphie ou qu’il prouve dans [ob]seen] la relation entre voir et voyeurisme, entre représenter et se livrer: Philippe Saire a réalisé une extraordinaire multiplicité de thèmes et de formes d’expression, qui se sont toujours situés au centre des questions de notre temps et de l’art de la danse contemporaine.

En 1995, Saire a pu inaugurer son propre théâtre, le Sévelin 36 à Lausanne. Il a donc réussi, au plan de la politique culturelle, un certain nombre de choses au profit de la danse, grâce à son engagement infatigable. Il a installé un théâtre reconnu dans lequel on peut voir ses propres œuvres, mais également celles d’autres créateurs suisses et étrangers, qui ont ainsi la possibilité d’être représentés. C’est encore un autre aspect de «l’œuvre de sa vie» : elle vit et continue de croître.

Christina Thurner,
Membre du jury et journaliste de la danse

www.philippesaire.ch | Brochure Philippe Saire – Gala 2004 (pdf 670 kb)