Laudatio Thomas Hauert

Preisträger 2005

Sehr geehrte Damen und Herren
Lieber Thomas Hauert

Eigentlich müsste man diese Auszeichnung mit Feuerwerk und Fanfaren feiern. Der „Schweizer Tanz- und Choreografiepreis“ von Pro Tanz wird dieses Jahr, 2005, für eine herausragende Produktion verliehen, für Modify von Thomas Hauert und seiner Kompanie ZOO. Als Vertreterin der Jury möchte ich dies in ein paar Worten begründen – und halt ohne Raketen und Trompeten. Letztere werden Sie gleich im Stück noch hören, in Händels Feuerwerksmusik. Mit den Fanfaren assoziieren wir landläufig stolze Aristokraten oder zumindest feierliche Ritter- und Märchenspiele. Doch bei Thomas Hauert kommt dann jeweils alles anders, „modified“ eben. Wenn man sich seine Stücke ansieht, dann wird man immer neu überrascht, Erwartungen werden unterlaufen, Seh- und Hörgewohnheiten herausgefordert. Tanz ist für Hauert – das hat er einmal in einem Interview gesagt – „ein ständiges Suchen nach neuen, unerwarteten Bewegungsqualitäten“. Dem hat er sich seit Beginn seiner choreografischen Arbeit verpflichtet – zusammen mit seinen Kompaniemitgliedern. Das jeweilige Resultat auf der Bühne ist dabei stets so betont unglamourös wie originell, so unprätentiös wie radikal, so ungewöhnlich eigen wie konsequent.

Ich möchte dies anhand des heute zu würdigenden Stücks Modify kurz erläutern und kommentieren, ohne freilich schon allzu viel zu verraten. Die Feuerwerkskörper aus Händels Musik scheinen bereits ins Bühnenbild eingeschlagen zu haben. Die Inneneinrichtung des Zimmers auf der projizierten Fotografie ist – gelinde gesagt – chaotisch. Und auch die Tanzenden erinnern in ihren Schlabbergewändern und mit ihren Gesten eher an wendige Rumpelstilzchen als an Märchenprinzen oder Edelfrauen. Zu den Trompetenstössen halten sie zwar immer wieder beinahe andächtig inne, ansonsten allerdings rasen oder rasten sie gänzlich unadelig im Raum und in der Musik. Und doch passt ihr absichtlich ungraziöser Tanz eigenwillig hervorragend zu den barocken Klängen, die durch jüngere Chorwerke von Alfred Schnittke und Geräuschmixe von Aliocha van der Avoort ergänzt wurden. Stets aufs Neue verblüfft, stellt man angesichts von Modify fest, was sich so alles an – buchstäblich – merkwürdigem Bewegungsmaterial zu höfischer und sakraler Musik fügt. Die sechs Figuren fallen dabei munter aus der Reihe und aus der Rolle, geben knorrige Wesen oder klapprige Gestalten, die an Gnome oder Skelette aus dem Schlosskeller erinnern. Als Wiedergänger schütteln sie kräftig ihr Gerippe, verrenken langsam bizarr ihre Glieder, um im nächsten Moment als spastische Hampelmänner oder Zappelprinzessinnen durcheinander zu stolpern. Geradezu gruselig ist das zuweilen anzusehen, dann wieder heiter bis lustig, und alleweil ist es überraschend und perfekt gemacht.

Die Akteure sind zweigeteilte Wesen, das zeigt schon ihre Kleidung an: Vorne sind sie bunt, hinten weiss. Es wirkt, als lade sich ihre blanke Rückseite im Laufe des Stücks immer wieder am grellen Durcheinander des Bühnenbildes oder an den starken Farben der Beleuchtung auf, als holten sich die Tanzenden aus dem klanglich gefüllten Raum jeweils mannigfaltige Bewegungsenergie. So chaotisch diese dem Schein nach die Körper erfasst, so präzise ist sie im Tanz eingesetzt. Auch wenn Thomas Hauert, Martin Kilvady, Mark Lorimer, Sara Ludi, Chrysa Parkinson und Ursula Robb rennend durcheinander wirbeln, stossen sie nie zusammen, vielmehr ergeben sich aus der wildesten Unregelmässigkeit wie von Geisterhand plötzlich räumliche Ordnungen – Reihen, Linien, flächige oder bewegte Muster. Insofern ist Modify eine konsequente Fortführung von Hauerts Raum-Körper-dynamischen Arbeiten, mit denen er von Brüssel aus international das Tanzpublikum verblüfft.

Thomas Hauert kommt aus einem kleinen Dorf, Schnottwil, im Kanton Solothurn. Angefangen hat aber alles mit ‚Holiday on Ice’ in Bern. Diese Vorstellung hat ihn als Kind so beeindruckt, dass er fortan am Fernsehen Eiskunstlauf geschaut und für sich zur Musik getanzt hat. Er besuchte dann später Workshops in Basel und Bern; die professionelle Tanzausbildung hat er an der Rotterdamer Tanzakademie absolviert. Als Tänzer engagiert war er unter anderem bei der Kompanie Rosas von Anne Teresa De Keersmaeker in Brüssel. 1997 hat er dort seine eigene Kompanie ZOO gegründet. Gleich die erste Arbeit hat der Gruppe Preise beschert: Cows in Space ist ein formales Stück, das die Sehgewohnheiten frappiert; fünf Tänzerinnen und Tänzer formieren sich ständig neu im Raum und bewegen sich dabei so, dass die Zuschauenden das Gefühl bekommen, im Zug zu sitzen und die Welt an sich vorbeiflitzen zu sehen. Tanz sei für ihn pure Bewegung, hat Hauert im Interview gesagt, Tanz sei ein körperliches Erleben, auch für die Zuschauer.

In Brüssel ist der Solothurner heute zu Hause. Seine Stücke waren und sind aber immer auch in der Schweiz zu sehen, teilweise sogar hier koproduziert und kreiert worden. Ob in Pop-Up Songbook, im Stück Jetzt, in Verosimile, im Solo Do You Believe in Gravity? Do you trust the Pilot oder in Performance 5, stets probieren Hauert und seine Kompaniemitglieder neue Möglichkeiten des menschlichen Körpers aus – am eigenen Leib und in der Begegnung mit anderen. Sie experimentieren mit Improvisationen, mit der Stimme, mit der Schwerkraft, mit Dynamiken, mit Umraum und Raumaufteilungen, mit Geräuschen und Musik.

Während Hauerts frühere Werke räumlich-zeitliche Dynamisierungen, Beschleunigungen und Bremsungen, Verschiebungen und Verdichtungen konsequent verfolgten und dabei nicht immer leicht zugänglich vor Augen führten, erfährt Modify durch die Musik eine gewisse Leichtigkeit. Diese wird zwar durch knorrige, gezitterte oder vermeintlich unkoordiniert bewegte Bilder kontrastiert, sie stellt sich aber dann plötzlich ein, wenn die Akteure sich vom Schwung der Töne mitreissen lassen. Dabei trägt die Choreografie der Bewegungen ihrerseits verschiedene Zeitmasse an die Musik heran, was in den stärksten Momenten zu einem vielschichtig-plastischen, optisch-akustischen Ganzen führt.

Die Musikalität hat Hauert in seiner Zeit als Tänzer bei der Kompanie Rosas entwickelt; nun findet sie in der Arbeit mit seiner Gruppe ZOO einen eigenen, geradezu trashigen Ausdruck. Pompöses wird da auf ein unprätentiöses, aber originelles choreografisches Mass herunter gebrochen und in einen gewollt unaufgeräumten Alltag geholt. Ein besonderes Feuerwerk für die Sinne ist das, nicht laut und prächtig, sondern frappierend und knallig.

Dass man ihn nicht mit Fanfaren feiert, ist Thomas Hauert sicher recht. Wir wünschen ihm, dass das Feuerwerk der Bewegungsideen auch über Modify hinaus Funken sprüht und uns Zusehende, -hörende und Staunende auch in Zukunft jeweils nach seinen Stücken verändert – „modified“ eben – aus dem Theater entlässt.

Herzlichen Dank!

Laudatio von Christina Thurner, Jurymitglied, Tanzjournalistin und -wissenschaftlerin.

www.zoo-thomashauert.be | Broschüre Thomas Hauert – Tanzpreis-Gala 2005 (pdf 340 kb)


Laudatio Thomas Hauert

Lauréat 2005

Ce prix devrait se fêter en fanfare, avec la musique de Georges Frédéric Haendel présente dans «modify», the «Music for the Royal Fireworks». Avec cette musique nous associons volontiers de fiers aristocrates ou, pour le moins, des jeux d’une grande solennité avec des chevaliers ou des personnages de contes de fée. Mais avec Thomas tout arrive différemment, «modified». A la vue de ses pièces, on est à chaque fois surpris, nos attentes sont déviées, nos habitudes de voir et d’entendre sont mises au défi. Pour Hauert la danse est «une recherche perpétuelle d’une qualité de mouvement nouvelle et inattendue». Dès le début de son travail de chorégraphe, il s’est engagé dans cette voie avec les autres membres de sa compagnie. Le résultat sur scène est aussi peu glamour qu’original, sans prétention, mais radical, marqué à chaque fois et de façon inhabituelle et très conséquente par sa personnalité propre.

Dans la pièce «modify», les fusées du feu d’artifice de la musique de Haendel semblent déjà explosées sur scène. L’agencement intérieur de la chambre, figurant sur une projection de photographie, semble, pour le dire avec un euphémisme, plutôt chaotique.

De même, avec leurs habits en haillons, les danseurs (Thomas Hauert, Martin Kilvady, Mark Lorimer, Sara Ludi, Chrysa Parkinson et Ursula Robb) rappellent plutôt des «Rumpelstilzchen» agités que des princes de contes de fée ou des dames de la noblesse. A chaque sonnerie de trompette, ils réussissent à s’immobiliser avec une certaine componction, sinon leurs mouvements ne sont que des courses désordonnées et, lorsqu’ils s’arrêtent, leurs poses totalement disgracieuses par rapport à l’espace et à la musique. Et malgré tout cela, leur danse, intentionnellement disgracieuse, est remarquablement adaptée aux sonorités baroques, que viennent compléter des oeuvres chorales plus récentes d’Alfred Schnittke et un mixage de bruits d’Aliocha van der Avoort.

Mais force est de constater, que le spectacle de «modify» réussit à chaque fois à nous bluffer, car tout ce matériel mobile, littéralement merveilleux, s’y agence pour se transformer en musique de cour, presque en musique sacrée. Autant celle-ci semble saisir les corps de manière chaotique, autant son intervention dans la danse est d’une remarquable précision.

C’est ainsi que «modify» est la conséquence et la suite des travaux de Hauert sur la dynamique de l’espace et du corps, avec lesquels il réussit, depuis Bruxelles, à étonner le public de la danse au niveau international. Hauert a développé en son temps sa musicalité pour la danse auprès de la compagnie Rosas; à présent, elle trouve son expression propre, à tendance «trash», dans le travail qu’il effectue avec son groupe ZOO. Le côté pompeux est ravalé à une mesure chorégraphique sans prétention, mais très originale et placé dans un quotidien intentionnellement très peu ordonné.

Un feu d’artifice particulier pour les sens, pas du tout tapageur et somptueux, mais percutant et détonnant ou détonant.

Christina Thurner
Membre du jury, journaliste de la danse et scientifique

www.zoo-thomashauert.be | Brochure Thomas Hauert – Gala 2005 (pdf 340 kb)